Alt vs. Neu

von Redaktion • 19.6.2006 • Kategorie: BUGGYKITE & friendsHier bestellen!

Alt vs. Neu
Eines ist klar: Auch nach ein paar Jahren der Be­nutzung haben Zug­schir­me noch einen Wert. Meist ist es der Aufsteiger, der seinen Einstiegskite nicht mehr benötigt, oder der leistungsorientierte Kiter, der das neueste Modell kauft und dafür das Vorgängermodell abgibt. Wir haben einige Modelle unter die Lupe genommen, gebrauchte mit neuen Schirmen desselben Typs in der Praxis verglichen und auch den technischen Wertzustand gebrauchter Kites durchgemessen.

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Competition C3 aus 1995 – auch nach 10 Jahren noch fit!

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Zweimal Jojo ET: oben in Weiß die vielgeschundene, darunter die orangefarbene im Neuzustand

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Während die Farben der alten ET (links) gelitten haben, strahlt die neue in vollem Glanz

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Sechs Jahre alte, aber gepflegte Bora 3.8 von Michael Reckhaus

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Kein sichtbarer Verschleiß und nur minimale Verfärbungen an den weißen Ventilöffnungen

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An der Flysurfer-Seriennummer kann man das Alter des Kites ablesen

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Nur an den über eine Rolle laufenden Waageschnüren lässt sich die häufige Benutzung erkennen

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Saubere Performance zeigt dieser „Oldtimer“

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Die gebrauchte Psycho2 (oben) steht genauso sauber am Himmel wie der neue Kite

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Waageschnüre der alten Vergleichsschirme, bereit zum Test

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Unter ausreichend Last abgerissene Schnurenden

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Reißtest des Tuchs mit dem Bettsometer

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Auch das Segel der Bora wird auf Festigkeit getestet

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Die neuen Vergleichsproben des Bora-Segeltuchs

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Messung der Luftdurchlässigkeit an verschiedenen Stellen der Kappe

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Vergleichender Testflug der beiden
13 Quadratmeter- „Boliden“

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Ziehen der Schnüre bis zum Abriss

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Durch häufige Crashs und Reibung am Boden stark belastetes Tuch

Für diesen Test haben wir auf dem Gebraucht­markt sehr günstige Modelle von heute noch gebauten Kites gekauft und diese in der Praxis mit neuwertigen verglichen. Dabei handelte es ich um eine 2.5er-JoJo ET, die zuletzt unter portugiesischer Sonne eingesetzt und dabei keinesfalls geschont wurde. Dazu eine 3.8er- und eine 6.0er-Bora, zum einen als Leihgabe vom Piloten Michael Reckhaus, zum anderen eine 3.8er aus Belgien, die viel in Gebrauch war und eine handbemalte Werbeaufschrift trug. Sowohl die JoJo ET als auch die Bora gingen für unter 20 Prozent des Neupreises an uns. Des Weiteren wurde der Depowerkite Psycho2 geflogen, wobei der Gebrauchtschirm aus der Kitesurfschulung stammte und somit ebenfalls einen schonungslosen Umgang genossen hatte. Auch haben wir eine gebrauchte Competition C3 über zehn Jahre nach derem ersten Erscheinen noch einmal an die Schnur genommen und waren verblüfft, wie frisch der Oldie sich immer noch anfühlt.

Praxis JoJo ET
Als die gebrauchte 2.5er-ET eintraf, konnte ihr Zustand nur Tränen bei uns auslösen. Der Schirm war nicht nur dreckig, sondern auch mehrmals geflickt. Der Kite ist dem Vorbesitzer mit Sicherheit vielfach abgestürzt, dabei wurde die Vorderkante der Kite-Oberseite über den Boden gezogen. Nach einigen Crash-Landungen waren die inneren Kammern geplatzt und auch zwei Nähte auf der Unterseite wurden dilettant­isch wieder zusammengefügt, nachdem sie aufgeplatzt waren und der Anknüpfpunkt der Waage herausgerissen. Gäbe es einen Kite-Psychiater, unsere JoJo ET wäre dort wohl Stammgast, bei all dem, was sie in der Vergangen­heit durchmachen musste. Nachdem wir die äußeren Profile mit selbstklebendem Spinnakertape repariert hatten, kam die ET zeitgleich mit einem neuwertigen Modell an die Schnur. Es war äußerst bemerkenswert, wie gut der alte Schirm noch flog. Zwar hatte er etwas an Spritzigkeit und Reaktionsvermögen eingebüßt, doch setzte der Kite den Wind immer noch ordentlich in Zug um. Ein Einsteiger hätte den Unterschied vermutlich gar nicht gespürt. Leider reagierte die ET aufgrund der wenig fachge­rechten Reparatur nicht mehr absolut symmetrisch auf die Steuerung. Aus vielen Erfahrungsberichten wissen wir allerdings, dass vom Hersteller der JoJo durchgeführte Reparaturen immer absolut sauber sind und keine Nachteile zum Originalzustand bedeuten.

Prüfstand JoJo ET
Nach den Flugtests wurden die technischen Werte des Schirms abgenommen. Das sind die Festigkeitswerte des Tuches im Reißtest mit dem Bettsometer, die Porosität (Luftdurchlässigkeit), gemessen mit der JDC-Uhr, und die Festigkeit der Waage, getestet mit dem Zugprüfgerät. Zu unserer Überraschung konnte die JoJo überall der Maximalbelastung des Bettsometers standhalten. Bei 1.200 bis 1.400 Gramm wird es kritisch und das Tuch hatte bei den Schussfäden immer Werte von mindestens 1.000 Gramm darüber. Die Luftdurchlässigkeitsmessung wurde dann interessanter. Während das vom Hersteller gestellte, neuwertige Tuch Messdaten um 500 sec JDC aufwies, wurden am alten Schirm teilweise erheblich reduzierte Werte gemessen. Dabei gingen die Werte im lilafarbenen Tuch der Rückseite direkt hinter den Eintrittsöffnungen auf unter 30 sec JDC zurück. Im mittleren Bereich der Rückseite kam die Messung immerhin auf knapp 50 sec JDC. Hier hatten das UV-Licht und vor allem die mechanische Belastung beim Abstürzen und Schleifen über den Boden das Tuch regelrecht „hingerichtet“, sodass die Beschichtung extrem geschädigt wurde. Auf der weißen Segelvorderseite kam die JDC-Uhr auf 140 Sekunden, was für einen gebrauchten Schirm ein überaus guter Wert ist und in der Praxis keinerlei Leistungsverluste bedeuten sollte. Die Waage hatte auf den Ebenen konstant über 43 Kilogramm Belastbarkeit und in der Sekundärebene riss die Schnur erst über 47 Kilogramm, womit in der ummantelten Dyneema­waage keine relevanten Schwächungen durch das Alter zu erkennen waren.

Fazit JoJo ET
Unsere alte JoJo war gar nicht so alt, wie wir gedacht hatten. Die Qualitätsreduzierungen in Haltbarkeit und Leistung durch häufigen Einsatz und UV-Bestrahlung waren vertretbar. Allerdings hat der schlechte Umgang mit dem Material – vermutlich durch maximale Belastung auf den Kammern bei Abstürzen und das Schleifen des Tuches über den Boden – zu stellenweise äußerst bedenklicher Schädigung der Tuchober­fläche geführt, wodurch vor allem die Leistungsfähigkeit vermindert und der Alterungs­prozess beschleunigt wurde. Allerdings waren diese Beschädigungen deutlich sichtbar, sodass sie beim Kauf sicher zu einer Preisminder­ung führen würden.

Praxis Bora
Hier haben wir die erste Bora, die im Jahre 2000 erschien, gegen die aktuelle Bora II getestet, wobei bei diesem Schirm im Rahmen der Modell­pflege Veränderungen vorgenommen wurden. Als wichtigster Unterschied ist die in der Bora seit 2002 vorhandene D-Waagereihe zu nennen, welche die Leistung des Schirms erhöht. Bei den alten Modellen ist hier gerade auf der Rückseite eine Bauchung nach oben zu erkennen. Dennoch konnten unsere Gebraucht-­Boras durch die hohe Flug­geschwin­dig­keit und Leistungsentfaltung eines Hochleisters bestechen. Ein weiterer Vorteil der gebrauchten Bora ist die im Einstell­winkel verstellbare Waage. Leichter Leistungsverlust des Tuches kann so mit einer minimal steileren Waage wieder kompensiert werden.

Prüfstand Bora
Bei der belgischen 3.8er-Bora handelte es sich ohne Zweifel um ein viel benutztes Exemplar. Hier lagen in Teilen des weißen Tuches die Reiß­werte mit 1.300 bis 1.650 Gramm auch bei den Schussfäden bereits nahe an der bedenk­lichen Untergrenze. Zwar muss man keine Angst haben, dass der Schirm im Flug zerreißt. Größere Belastungen wie beim Crash könnten allerdings zu schweren Schäden führen. Auch die JDC-Uhr bringt Licht ins Dunkel. Beim orange­farbenen Tuch der vorderen Segelober­seite ergaben sich Messwerte von 16 bis 33 sec JDC, womit im Vergleich zum neuen Tuch (es wurde uns aus der Näherei zugeschickt und kam auf 600 bis 700 sec JDC) ein deutlicher Leistungsverlust zu verzeichnen ist. Zum Glück konnte das weiße Material mit 65 bis 85 sec JDC gemessen werden, sodass die Ernüchterung nicht zu groß wurde. Sowohl Primär- als auch Sekundärwaage wiesen mit knapp 40 Kilogramm eine ausreichende Belastbarkeit auf.

Fazit Bora
Dieser Gebrauchtschirm hat seine Dienste beim ständigen Einsatz in den letzten fünf bis sechs Jahren sicher geleistet. Die Bora wurde bestimmt immer gut behandelt, dennoch haben die Alter­ungsprozesse, besonders durch die UV-Strahl­ung, schon soweit eingesetzt, dass sie in Rente gehen kann. Wer behutsam damit umgeht und vielleicht eher unterpowert fliegt als an die Leistungsgrenze zu gehen, der kann ruhig noch mit dem Schirm herumcruisen. Die in der Praxis spürbare Flugdynamik hat sich unser Oldie sicher durch die gute Materialqualität und den einwandfreien Umgang erhalten.

Praxis Psycho2
Die 13-Quadratmeter-Psycho2 ist ein imposantes Gerät, welches sich im Test einwandfrei fliegen ließ. Sowohl die Funktion aller Systeme des Depowerkites mit seinen Rollen als auch die Leistungsfähigkeit waren voll erhalten. Dieses Gebrauchtmodell war am Himmel nicht vom neuen Kite zu unterscheiden.

Prüfstand Psycho2
Das Bettsometer zeigte in der Praxis weit über 2.000 Gramm Belastbarkeit des Tuchs in beide Richtungen an. Im Luftdichtigkeitstest erreichte die JDC-Uhr auf der Oberseite Werte um 250 – 300 sec JDC und auf der Unterseite 250 – 400 sec JDC. Damit wäre der Praxis­ein­druck be­stätigt, denn gegenüber dem Neuzustand, der beim Flysurfer-Tuch bei ganzen 500 – 700 sec JDC liegt, kann hier kein relevanter Leistungs­verlust gemessen werden. Die Reduk­tion kann schon durch das Knicken beim mehrfachen Ein- und Auspacken verursacht werden. Dass die Segelunterseite teilweise bessere Werte als die Segeloberseite erreicht, mag an der geringeren Menge an UV-Licht liegen, die dorthin gelangt. Auch wenn die Schnüre im Bereich der Rollen leichten Ver­schleiß an der Oberfläche zeigten, kann hier keinesfalls von relevanter Reduktion der Belast­barkeit gesprochen werden.

Fazit Psycho2
Hochwertige Materialien sorgen für einen lange Zeit frischen Kite. So ist es auch bei dem gebrauchten Psycho2 von Flysurfer. Hinzu kommt, dass dieser mit seiner Größe (13 Quadratmeter Segelfläche) nur bei mäßigen Winden eingesetzt wurde und daher die Belastung für das Material sehr gering war. Hochwertige Modelle und große Größen sind also auch nach Jahren noch empfehlenswert.

Resultat
Gebrauchte Schirme haben immer eine Vergangenheit, die beim Tuch wie in der Haut eines Menschen ihre Spuren hinterlässt. Je besser das Ausgangsmaterial ist, desto frischer kann der Kite auch nach Jahren noch sein. Besonders wenig belastete Modelle, wie große Größen, können lange ihren Glanz bewahren. Ein viel geflogener Kite wird in den ersten beiden Jahren noch gute Werte zeigen, danach aber allmählich immer mehr an Festigkeit und Luftdichtigkeit verlieren, auch wenn er gut behandelt wird. Bei einem Freizeitpiloten, der nur ab und zu ein paar Runden dreht, kann so ein Schirm dann sein verdientes Gnadenbrot erhalten. Wird ein Schirm aber grob und falsch behandelt und durch Crashs und Schleifen über den Boden belastet, so macht das Tuch sehr schnell schlapp. Reparaturen von geplatzten Kammern, durchgescheuerte Flügelenden oder Segelrückseiten können hier beim Kauf als Alarmsignal gewertet werden.

Markt
Im Vergleich „Alt vs. Neu“ konnten wir nur bereits lange gebaute und damit bewährte Modelle hinzuziehen, die aus hochwertigem Material wie Porche Marine oder Toray Chikara gefertigt wurden. Die Tücher liefern im Neuzustand tolle Werte und halten diese auch im Gebrauch ziemlich gut. Billigere Tücher liegen in der Regel weit darunter und häufig sogar unter den Gebrauchtwerten der Markensegel. Bei einem kurzen Test kam keines der in neuwertigen Schirmen verbauten Billigmaterialien auf über 200 sec JDC. Bei den Preisbrechern im Einsteiger- und Intermediate-Segment muss man sogar mit Werten von unter 40 sec JDC Luftdichtigkeit rechnen. Dabei sorgt schneller Verschleiß für Ausrutscher von unter 5 sec JDC bei Kites, die weniger als ein Jahr alt waren. Damit dürfte die Lebensdauer um einiges kürzer sein als bei hochwertigem Tuch, und zugleich sinkt der Wiederverkaufswert schnell. Die Preisunterschiede bei neuen Kites sind also durchaus aufgrund des Materials zu erklären, und die Investition in ein hochwertiges Modell macht auf lange Sicht in jedem Fall Sinn.

 

Diesen Beitrag und noch viel mehr finden Sie in BUGGYKITE & friends, Ausgabe 1/2006

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