Tiefschnee ohne Reue

von Redaktion • 15.11.2011 • Kategorie: SNOWKITE & friendsHier bestellen!


Flughafen Genf – hier beginnt unsere Snowkiting-Reise, und es geht nach Georgien im Südkaukasus. Die vier Teilnehmer dieser Expedition sind Fabio Ingrosso (North-Teamrider), Etienne Lhote (F-One-Teamrider), Johann Civel (Ozone-Teamrider) und ich. Als wir die ersten Fotos von diesem Land mit seinen weiten Schneestrecken erblickten, sahen wir uns schon auf einem Snowkite-Trip dorthin. Mit Gipfeln von 5.000 Metern über dem Meeresspiegel waren wir zwar absolut schneesicher, brachen aber in unbekannte Gefilde auf. Ich hatte das letzte Mal im Jahr 2008 von Georgien gehört, als sich das Land im Krieg mit Russland befand. Zwei Jahre später schien der Frieden, trotz der Spannungen mit der Russischen Föderation, wiederhergestellt zu sein. Am Tag vor unserer Abreise rief ich in unserem Hotel in Gudauri an, einem Skigebiet im Nordwesten des Landes: Alles war okay, jemand würde uns am Flughafen abholen.

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Die Sowjetunion ist allseits präsent, während der Schilderpfosten Ski-Heil wünscht

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Abenteuerlustige Snowkiter: Etienne Lhote, Fabio Ingrosso und Johann Civel

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Johann Civel rockt den Schnee von Gudauri

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Kite statt Seilbahn in Gudauri

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Fabio Ingrosso hat es tief ins Powder gebombt

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Auch Johann Civel taucht ab ins Eisfach

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Morgendlicher Blick aus dem Zimmer des Hut Hotels

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Westliche Waren und warme Klamotten am Pistenrand

Am nächsten Tag landeten wir abends in Tbilissi (Tiflis), der Hauptstadt von Georgien. Abgesehen von einer Menge Polizisten war der Flughafen leer und zum Glück wartete der Hotel-Shuttle schon auf uns. Der Fahrer sprach allerdings kein Wort Englisch, aber was soll’s … Wir fuhren in einem kräftigen Regen in Richtung Berge. Bei sehr schlechter Beleuchtung, mit Straßensperren der Polizei und Schildern in kyrillischer Schrift waren wir froh, nicht selbst fahren zu müssen. Zwei Stunden später wurde aus dem Regen heftiger Schneefall, aber trotz einiger Steine auf der Straße gelangten wir endlich doch ans Ziel. Das Hut Hotel in Gudauri ist komfortabel und war hauptsächlich mit Studenten aus Lettland, Estland, Litauen und Kasachstan belegt, die zum Skifahren dorthin kommen. Die Atmosphäre war sehr entspannt und von Anfang an verstanden wir uns sehr gut mit allen anderen Gästen – besonders bei dem reichlich fließenden Wodka!

Showdown in Gudauri
Am nächsten Tag herrschte traumhaftes Wetter und wir sahen uns von riesigen Bergen umgeben. Gudauri liegt auf 2.015 Metern über dem Meeresspiegel und die Skilifte bringen einen bis auf 3.300 Meter hoch. Wir waren sofort vom Anblick der gewaltigen Schneemassen und von den enorm steilen Hängen begeistert, die von einer Höhe von 1.000 bis 3000 Meter verliefen. Es war einfach überwältigend! Zuerst wurde aber der Ort erkundet. Wir fanden ein paar Hotels und nur sehr wenige Geschäfte, diese jedoch mit modernen Einrichtungen. Da dies eines der größten Skigebiete in Georgien ist, war es bereits zur Zeit des sowjetischen Regimes sehr trendy. Die Skilifte öffneten normalerweise um 10 Uhr, aber an diesem Tag gab es einen Stromausfall und alle Gäste mussten an der unteren Station warten. Gegen 13 Uhr kam eine leichte Brise auf und wir legten sofort unsere Kites vor den noch immer wartenden Skifahrern aus, um uns nach oben ziehen zu lassen. Es dauerte eine Stunde, bis wir die Station am oberen Ende des Skigebiets erreichten. Dort trafen wir ein paar Wanderer, die den Gipfel wegen des Stromausfalls in mehr als 3 Stunden erklommen hatten. Am gesamten ersten Tag waren alle Augen auf uns gerichtet und es war niemandem entgangen, wie wir den Hang problemlos über die menschenleere Piste erklommen hatten. Schließlich gab es den ganzen Tag keinen Strom und wir weckten den Neid aller Zuschauer.

In Gudauri blieben wir nur ein paar Tage, da die Bedingungen zum Kiten nicht op­­timal waren, denn die sehr hohen Berge rundherum – unter anderem der Mount Kazbek (5.047 Meter) – verhindern, dass der Wind frei hereinweht. Überall konnten wir eine Menge geeigneter Spots sehen, aber die Straßen werden im Winter ge­­schlossen und so konnten wir sie nicht erreichen. Nur ein Hubschrauber hätte uns dorthin bringen können, aber aufgrund der Lawinengefahr flogen diese nicht. Dennoch konnten wir über das Skigebiet und die umliegenden Berge kiten. Die Atmosphäre im Ort war trotz der massiven Polizei­prä­senz sehr angenehm. Generell verbrachten wir die Abende mit dem Trinken von viel „Tchatcha“ (eine Art Wodka) und Feiern mit den anderen Hotelgästen. Da wir aber zum Kiten her­­gekommen waren, beschlossen wir, zu einem besseren Ort am anderen Ende des Landes zu ziehen.

Deadman-Seat
Wir setzten unsere Reise am nächsten Tag mit dem gleichen Fahrer fort, der wieder kein Wort sprach. Der Wagen war ein Rechtslenker mit Allradantrieb, obwohl hier alle auf der rechten Seite fahren. Da die Grenze Tschetscheniens nur ein paar Kilometer entfernt lag, fuhren wir in Richtung Westen, in die entgegengesetzte Richtung. Wir düsten mit 140 Stunden­kilo­metern durch die kleinen Dörfer. Während Etienne, Fabio und Johann hinten fest schliefen, fungierte ich auf dem vorderen Sitz beim Überholen der langen Militär-Konvois als Co-Pilot. Ich könnt Euch vorstellen, wie ich den Fahrer anschrie, als er zum Überholen die Fahrbahn wechselte und plötzlich ein alter Mann auftauchte, der so gut er konnte der weißen Linie folgte und völlig betrunken die Straße überquerte. Übermäßiger Alkoholkonsum ist in Georgien ein echtes Problem.

Als das majestätische 5.000 Meter hohe Kaukasus-Gebirge langsam in weite Ferne rückte, folgten wir der Autobahn in Richtung Türkei, und unser Fahrer fuhr aus Furcht vor den Radargeräten nur noch mit 110 Stundenkilometern. Zum Glück, denn bald wanderten ein paar Kühe gemächlich über die Straße. Drei Stunden später kamen wir endlich sicher in Bakuriani an – wir seufzten erleichtert auf.

Bakuriani
„Fühlen Sie sich wie zu Hause“, lud uns der Hotelmanager des Vilavita Hotels ein. Gut, wir waren ja auch die einzigen Gäste in ­seinem nagelneuen Hotel, für 50 US-Dollar pro Nacht mit Vollpension. Man hätte in Georgien sicher auch günstiger übernachten können, nur hatten wir keine Zeit, uns et­was anderes zu suchen. Bakuriani ist ein kleines Dorf mit ein paar Feldwegen, Hühnern, Kühen und Pferden, die im Schlamm herumwandern. An unserem Ankunftstag Mitte März herrschte eine sehr ruhige Frühjahrsatmosphäre. In etwa 2 Kilometer Entfernung fanden wir die einzige Seilbahn der Gegend, die um 11 Uhr öffnete. Die Spitze kann man mit Fellen unter den Skiern in einer Viertel­stunde erreichen. Dort entdeckt man ein weites Plateau, wie man es aus Norwegen kennt. Diese Bergregion heißt auch „der kleine Kaukasus“, und die Landschaft ist weitaus besser zum Snowkiten geeignet, denn der Wind wird nicht durch hohe Gebirgszüge abgebremst. In den folgenden Tagen hatten wir viel Spaß auf dem Plateau. Entsprechend dem Wind ging Johann mit einer 12.0 und einer 8.0 Quadratmeter ­großen Manta III von Ozone raus, Etienne wählte den Bandit III von F-One in 11.0 und 9.0 Quadratmetern und Fabio fuhr mit dem North-Solid in 9.0 sowie 6.0 Quadrat­metern. Pech für Fabio, dass er seinen 9er-Kite gleich am ersten Tag ruinierte. Wir trafen unterwegs niemanden, abgesehen von zwei Snowbikern. Sie boten uns an, eine Runde zu drehen, aber wir lehnten die Einladung dankend ab, da wir die unend­lichen Weiten lieber mit unseren Kites erkunden wollten. Später im Dorf genossen wir dann Khachapuri, runde Blätter­teigfladen, flach wie große Pfannkuchen, gefüllt mit ge­­räuchertem und gesalzenem Käse, dem Tsulugumi – ­einfach köstlich! Im Allgemeinen kann man das georgische Essen als ausgezeichnet bezeichnen.

Abflug mit Zwischenstopp
Alle guten Dinge kommen einmal zu einem Ende: Wir hatten insgesamt 10 Tage in Georgien und unser Rückflug nach Amsterdam war für 3 Uhr morgens geplant. Wir kamen um 1 Uhr nachts am Flughafen von Tiflis an, doch unser Flug war einen Monat vorher abgesagt worden. Unter den 150 Passagieren waren wir die einzigen, die nicht informiert worden waren. Egal – das war eine Gelegenheit, 24 Stunden länger in Tbilissi zu bleiben. Der Taxifahrer war völlig entnervt von der Aufgabe, in den frühen Morgenstunden ein Hotel für uns zu finden. Wir schliefen ein paar Stunden und besuchten dann die Stadt. Unser Flugzeug sollte diesmal um 4 Uhr morgens fliegen, sodass wir keine Zeit hatten, ins Bett zu gehen. Nach der Entdeckung von Tiflis bei Nacht saßen wir endlich an Bord unseres Flug­zeugs über Wien nach Genf. Nach einer schlaflosen Nacht mit viel zu viel Alkohol, brachen wir während des Fluges vor Müdig­keit zusammen und träumten noch von den Bergen.

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